Die Natur ist uns schnurz!

Raubfliege mit erbeutetem Käfer
Raubfliege mit erbeutetem Käfer

Raubfliege mit erbeutetem Käfer

Kommentar zum Insektensterben in Deutschland. Von Gunther Willinger.

Die Vielfalt des Lebens droht uns ebenso abhanden zu kommen wie der Blick für das Wesentliche.

Viele Naturschutzgebiete in Deutschland erfüllen ihren eigentlichen Zweck nicht – statt die wunderbare Vielfalt wilder Natur zu schützen, sind sie Feigenblätter in einer von industrieller Landwirtschaft, maßlosem Flächenverbrauch und Naturentfremdung geprägten Gesellschaft. Die Blöße, die diese – meist winzigen [1] – Feigenblätter bedecken sollen, ist das Eingeständnis, dass uns die Natur letztlich schnurz ist. Artensterben, Klimaerwärmung, Verlust und Verschmutzung der Böden, des Wassers und der Luft. Tief in unserem Innern vertrauen wir darauf, dass das alles schon nicht so schlimm sein wird und unsere Ingenieure (die weltbesten) einen technischen Weg finden werden, um das Schlimmste abzuwenden. Ließ sich nicht das Waldsterben (wenn es denn je eins gegeben hat) durch Filter in Schornsteinen vertreiben und das Ozonloch durch neue Treibmittel wieder schließen? Neuerdings diskutieren wir sogar allen Ernstes über riesige Weltraumspiegel und andere technische Maßnahmen, um dem Klimawandel zu begegnen [2]. – Stattdessen sollten wir lieber unsere Hausaufgaben beim Schutz unserer Lebensgrundlagen wie Wald, Boden, Wasser und Luft machen.

„Naturschutzgebiete“ schützen leere Landschaften

Innerhalb von 63 Naturschutzgebieten in Deutschland hat ein Team um die Krefelder Insektenkundler Martin Sorg und Heinz Schwan seit 1989 jedes Jahr Malaise-Insektenfallen aufgestellt. Diese Fallen sehen aus wie ein Zelt aus Moskitonetzen, das an einer Seite offen ist und alle hineinfliegenden Insekten einsammelt. Jetzt wurden die Daten zur darin gefangenen Biomasse aus Bienen, Wespen, Käfern, Fliegen und anderen Fluginsekten von Wissenschaftlern aus Holland, Deutschland und England ausgewertet [3]. Demnach ist in den letzten knapp 30 Jahren die Menge der Fluginsekten, die in den Naturschutzgebieten unterwegs war um 76% zurückgegangen; im Sommer, wo gemeinhin der dichteste Insektenverkehr herrscht, waren es sogar 82% Rückgang. Wohlgemerkt innerhalb der Naturschutzgebiete. Erst im Juli hatte das Bundesumweltministerium mit ähnlichen Zahlen auf ein massives Insektensterben in Deutschland hingewiesen [4]. Der Deutsche Bauernverband zog damals die Seriosität der Zahlen in Zweifel und sah „großen und dringenden Forschungsbedarf“ [5]. Die nun im Fachmagazin „PLoS ONE“ veröffentlichte Auswertung bestätigt die Relevanz der Daten. Die Forscher um Hans de Kroon und Caspar Hallmann von der Universität Nijmegen sprechen von einem „Weckruf“ und davon, dass ähnliche Ergebnisse auch in anderen kleinen, von landwirtschaftlichen Flächen eingeschlossenen Naturschutzgebieten in Europa und darüber hinaus zu erwarten sind [6].

Aber, Hand aufs Herz, es wundert einen auch nicht. Wie sollte sich auch in der mit Pestiziden und Dünger vergifteten Agrarwüste, die sich heute über weite Teile Deutschlands erstreckt, eine natürliche Vielfalt an Lebewesen halten? Insekten sind die vielfältigste Tiergruppe – geht es ihnen schlecht, dann wirkt sich das auch auf alle anderen Lebewesen aus, egal ob Pflanzen, Vögel oder Säugetiere (und dazu gehört auch der Mensch). Und es geht hier „nur“ um die letzten 27 Jahre. Welchen Verlust an Vielfalt wir in den 30, 60 oder 90 Jahren zuvor hinnehmen mussten, kann man nur erahnen. Allein: Es ist uns schnurz.

Taten statt Daten

Wir empören uns über zu viele Flüchtlinge, die unsere Heimat bedrohen, indem sie uns das Geld aus der Tasche ziehen, die Jobs wegnehmen und kulturell überfremden. Darum wählen wir Parteien wie die AfD oder die CSU (oder auch ÖVP und FPÖ), die selbsternannten Verteidiger von Vaterland und Heimat. Aber wo sind diese Verteidiger der Heimat, wenn es darum geht, die eigentliche Substanz der Heimat zu schützen, nämlich die heimatliche Natur, ihre Ökosysteme und ihre wunderbare Vielfalt an Lebewesen? Wo bleibt die Empörung über diesen Verlust an Heimat, den wir nicht auf Kriegs- und Armutsflüchtlinge abladen können, sondern den wir ganz allein zu verantworten haben?

Wo sind (gerade jetzt in Zeiten von Wahlen und Koalitionsverhandlungen) die harten politischen Diskussionen und radikalen Forderungen zum Schutz unserer heimatlichen Natur?

Statt uns mit den wirklich wichtigen Fragen zu beschäftigen, die die Zukunft unseres Planeten und das Schicksal unserer Kinder und Enkel maßgeblich beeinflussen werden, schlagen wir uns die Köpfe darüber ein, wer sich wann wie Verschleiern darf, verfolgen (unsere) Aktienkurse (meist von Unternehmen, bei denen, sagen wir es mal vorsichtig, der Schutz der natürlichen Ressourcen eine eher untergeordnete Rolle spielt) und schaffen es als einziges Land weltweit nicht einmal ein Tempolimit auf unseren Straßen durchzusetzen. Armes Deutschland.

Seitdem Alexander von Humboldt vor rund 200 Jahren als erster ein ganzheitliches Naturverständnis entwickelte, vor Abholzung, intensiver Landwirtschaft und Klimaveränderung warnte, und dafür auf der ganzen Welt verehrt wurde, haben wir uns nicht weiter-, sondern zurückentwickelt. Humboldt und die Einsichten und Warnungen ihm nachfolgender Ökologen sind in Vergessenheit geraten oder gehen unter in der täglichen Kakophonie von Fremdenangst, Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätzen um jeden Preis. Die Themen richten sich nach denen, die am lautesten und unverschämtesten schreien. Eigennutz und Gier bestimmen das (politische) Geschäft – aber nicht weil die Politiker alles so schlechte Menschen sind, sondern weil wir selbst – wie selbstverständlich – bei Wahlentscheidungen vornehmlich auf unseren eigenen Vorteil schielen oder uns von Hetzern und Pessimisten in unseren Ängsten bestärken lassen. Darüber verlieren wir das Wesentliche aus dem Blick.

Wenn wir nicht schnell zur Besinnung kommen und uns besser um die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen in Form von natürlicher Vielfalt, gesundem Boden, sauberer Luft und sauberem Wasser kümmern, dann werden wir bald Grund genug haben, uns tatsächlich nur noch die Köpfe gegenseitig einzuschlagen – im Streit darüber wer Schuld ist am Verlust der Schönheit und Fülle, die die Natur uns einst im Überfluss geschenkt hat.

Das Bestreben, den Reichtum der Natur zu erhalten und wiederherzustellen, sollte unsere Richtschnur sein. Vor der eigenen Haustür, in unserer Heimat, in Europa und darüber hinaus. Dann würden sich viele andere Probleme ganz von alleine lösen. Anfangen könnten wir mit der Landwirtschaft, wo wir jedes Jahr Milliarden in eine maximal zerstörerische (= „auf dem Weltmarkt konkurrenzfähige“) Art der Landwirtschaft investieren, weitermachen mit einer CO2-Steuer, der Förderung neuer Mobilitätskonzepte und der Diskussion und Umsetzung von Wirtschaftsmodellen, die sich vom Mantra des ewigen Wachstums verabschieden. Das sind die Themen, die auf die Tagesordnung gehören. Das sind die Themen, über die es sich zu streiten lohnt.

Artikel zum Thema:

Spektrum.de
taz.de
sz.de
zeit.de

zdf frontal21 vom 10.10.17

 

Fußnoten:

[1] Der Anteil der Naturschutzgebiete an der Gesamtfläche Deutschlands beträgt knapp 4% und die meisten Schutzgebiete sind nach Einschätzung des Bundesumweltministeriums zu klein, um ihre Schutzfunktion vollständig zu erfüllen. (https://www.bfn.de/0308_nsg.html). Wildnisgebiete (also Schutzgebiete im eigentlichen Wortsinn) bedecken nur 0,6% der Landfläche Deutschlands. (https://www.bfn.de/0311_wildnis.html).

[2] http://www.sueddeutsche.de/wissen/climate-engineering-riskantes-herumdoktern-am-klima-1.3710959

[3] Hallmann CA, Sorg M, Jongejans E, Siepel H, Hofland N, Schwan H, et al. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE 12(10): e0185809. doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

[4] Stellungnahme des Bundesumweltministeriums zum Insektensterben vom 18.7.2017: Drucksache 18/13142 – DIP21 – Deutscher Bundestag, Link: dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/131/1813142.pdf

[5] http://www.bauernverband.de/diskussion-zum-insektensterben-in-einer-wolke-der-unwissenheit

[6] https://www.eurekalert.org/pub_releases/2017-10/run-tot101717.php

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