Geld oder Leben?!

Fidays for Future - Demo in Tübingen

“Fridays for Future” und “Extinction Rebellion”: Millionen Menschen protestieren, Tausende blockieren Straßen und üben zivilen Ungehorsam. Was soll das?!

Kreativer Protest von Menschen jeden Alters – Fridays for Future – Tübingen

– Kommentar von Gunther Willinger –

Die Umweltproteste von Fridays for Future und Extinction Rebellion werden weltweit von Menschen aller Altersstufen und aus allen Gesellschaftsbereichen getragen. Und auch wenn die Demonstranten nicht die eine Lösung haben, wie unser Wirtschaftssystem aussehen soll, scheint eins doch allen klar zu sein: Dass unsere momentane Art des Wirtschaftens nicht zukunftsfähig ist. Ein Wirtschaften bei dem Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung nichts oder viel zu wenig kosten, und das auf unbegrenztes Wachstum in einer endlichen Welt mit begrenzten Ressourcen ausgerichtet ist; dass derartiges Wirtschaften die Welt unweigerlich an die Wand fahren wird, erkennen immer mehr Leute und finden, dass es so nicht weitergehen kann. Unkenrufe wonach die einzige Alternative zum Status Quo eine “Öko-Diktatur”, Planwirtschaft oder der Kommunismus sei, sind natürlich Quatsch. Es liegen zahlreiche fundierte Konzepte und Ansätze für besseres Wirtschaften auf dem Tisch. Exemplarisch genannt seien Christian Felbers „Gemeinwohl-Ökonomie“ und Kate Raworths „Donut-Ökonomie“. In Michael Kopatz´ Buch “Ökoroutine” finden sich viele konkrete Vorschläge wie die Poltik Rahmenbedingungen verändern könnte und auch die Analyse „Schizo-Wirtschaft“ der Wirtschaftswissenschaflter Christian Scholz und Joachim Zentes gibt zahlreiche sachdienliche Hinweise. Natürlich kann man das Wirtschaftssystem nicht von heute auf morgen komplett umkrempeln; umso wichtiger ist es, dass wir schnell damit anfangen.

Das Ziel nicht aus den Augen verlieren

Unser Wirtschaften muss sich weniger auf die Vermehrung von Geld, sondern vielmehr darauf konzentrieren, was für die Menschen und den Planeten wichtig ist. Und das sind primär Gesundheit, sozialer Zusammenhalt und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Um diese zentralen Ziele zu erreichen, müssen wir lokale und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken, Bildung noch stärker fördern, Umweltverschmutzung und den Verbrauch der begrenzten natürlichen Ressourcen drastisch verteuern und gesellschaftsdienliche oder gemeinwohldienliche Arbeiten und Aktivitäten aufwerten. Auch Praxisbeispiele dafür gibt es schon: Von der Regionalwert AG über die Solidarische Landwirtschaft, von Permakultur über Agroforstwirtschaft bis hin zu gemeinwohldienlichen Banken. Städte wie Kopenhagen machen vor, wie wir den Verkehrskollaps verhindern können, Staaten wie Sikkim betreiben 100% Ökolandbau oder versuchen wie Gabun ihre Wälder zu schützen – all das funktioniert, aber bislang findet das in viel zu kleinem Maßstab statt. Gier und eine ungehemmte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen bestimmen den Großteil der Weltwirtschaft und das muss sich sehr schnell ändern, wenn wir unseren Kindern und Enkeln eine vielfältige, lebenswerte Erde hinterlassen wollen.

Ausbeutung von Natur und Menschen ist Normalität

Stichwort sozialer Zusammenhalt: Wie kann es sein, dass Ryanair-Chef O´Leary 99 Millionen Euro an Erfolgsboni (für fünf Jahre) genehmigt bekommt, das Unternehmen aber gleichzeitig bis zu 700 Arbeitskräfte entlässt und sich in stetigem Kampf gegen Arbeitnehmerrechte befindet, um noch ein paar Euro mehr rauszuquetschen? Diese Art des ausbeuterischen Wirtschaftens, die sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr und in immer extremeren Formen verbreitet hat, und die viele derjenigen, die Macht besitzen, als das Nonplusultra und als alternativlos darstellen, diese Art des Wirtschaftens muss gesellschaftlich geächtet werden. Übergeordnetes Ziel des Wirtschaftens darf nicht die Vermehrung von Geld sein, sondern die Vermehrung des Gemeinwohls. Und das Gemeinwohl kann als die oben genannten drei Hauptziele definiert werden: Gesundheit, sozialer Zusammenhalt und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen. Alles was dem Gemeinwohl dient, muss gefördert werden, und alles was es gefährdet, muss verteuert oder durch entsprechende Regeln verhindert werden.

Wie kann es sein, dass die umweltschädlichsten Unternehmen (z.B. Ölfirmen, Agrar- und Chemieindustrie) den großen Reibach machen, während die Schere zwischen Arm und Reich überall auf der Welt immer weiter auseinandergeht? Da stimmt etwas Grundlegendes nicht, und das erkennen immer mehr Menschen. Und ja, es geht um radikale Veränderungen und eine Umverteilung des natürlichen Reichtums der Erde. Aber nicht durch Enteignungen, sondern durch eine gerechtere Kostenverteilung und die konsequente Orientierung am Gemeinwohl. Es geht um realistische Preise für Verschmutzungsrechte und Ressourcenverbrauch. Es geht um gegenseitigen Respekt und die Maxime der Nachhaltigkeit im Wirtschaften und Leben, und das muss sich auch in gesellschaftlichen Regeln und Normen ausdrücken. Um diesen Schwenk zu schaffen, können wir uns nicht mehr auf den guten Willen von Politik und Wirtschaft verlassen („freiwillige Selbstverpflichtung“). Niemand wird kommen, um uns oder die Erde zu retten. Wir müssen das selbst angehen. Wir müssen dafür kreativ werden, uns engagieren, auf die Straße gehen, demonstrieren, diskutieren und Veränderungen einfordern bzw. selbst gestalten.

Widerstand ist nicht zwecklos

Muss man dafür auch Straßen blockieren und sich an Gebäude ketten? Muss man dafür die öffentliche Ordnung stören, wie es sich die Bewegung „Extinction Rebellion“ auf die Fahnen geschrieben hat? – Ich meine ja, denn die Probleme der Zerstörung unserer Lebensgrundlage zur Gewinnmaximierung einiger weniger sind ja nicht neu – und alle anderen Versuche sind mehr oder weniger wirkungslos verpufft. Als ich um das Jahr 2000 mein Biologiestudium beendet und bei der Naturschutzstiftung EuroNatur angefangen habe, waren alle diese Probleme schon da. Die unheilvolle Ausrichtung der Landwirtschaft auf den Weltmarkt, die rücksichtslose Ausbeutung von Wäldern und Mooren, der Verlust an fruchtbaren Böden, degradierte Flüsse und Bäche, die maßlose Bejagung von Wildtieren, die Überfischung der Meere, die Konzentration auf fossile Energieträger mit ihren verheerenden Folgen für das Klima usw. Trotz aller Versprechen und hehren Ziele, trotz mancher, vereinzelter Erfolge beim Arten- und Umweltschutz und in der Armutsbekämpfung, hat sich in den letzten 20 Jahren an der grundlegenden Problematik nichts geändert. Im Gegenteil, die Probleme von sozialer Spaltung, Umweltzerstörung, Verschmutzung, Artensterben und Klimaerwärmung sind massiver und dringlicher als je zuvor. Deswegen ist für mich klar: Die Diskussion über Wege und Lösungen ist wichtig, aber wir müssen parallel endlich radikal handeln. Und das übergeordnete Ziel muss sein: Schutz unserer Lebensgrundlagen wie Boden, Wasser und Luft. Wenn wir uns danach konsequent richten, ergibt sich alles andere von selbst.

Technik allein wird uns nicht retten

Die Menschheit besitzt viel Phantasie und eine große Innovationskraft, aber wir dürfen nicht darauf hoffen, dass uns allein technische Innovationen retten werden. Sie können uns helfen und werden eine wichtige Rolle spielen, aber sie werden nichts daran ändern, dass unsere momentane Art zu wirtschaften nicht zukunftsfähig ist. Für viele Lösungen braucht es auch gar keine neue Technik, sondern eher Geduld, Demut, Bescheidenheit und Mäßigung. Vergessene Tugenden, die heutzutage schnell als Mangel an Durchsetzungsvermögen, Langsamkeit oder gar Dummheit („selber schuld“) ausgelegt werden. Dabei wäre „Weniger ist Mehr“ und „Qualität statt Quantität“ in vielen Bereichen eine deutlich gesündere Einstellung, als das gegenwärtig vorherrschende „Schneller, Mehr und Billiger“.

Wer die Dringlichkeit beim Schutz unserer Lebensgrundlagen als „Weltuntergangsszenario“ in Misskredit bringt, der hat das Ausmaß und die Tragweite der Zerstörung noch nicht begriffen. Die Welt wird nicht untergehen, da sollten wir unseren Einfluss nicht überschätzen; und wahrscheinlich wird auch die Menschheit noch geraume Zeit überleben. Die Frage ist nur wie. Denn es geht nicht nur um Ökonomie und das nackte Überleben. Es geht auch um die Schönheit, Erhabenheit und Vielfalt der Natur. Die gehen gerade allerorten rapide verloren und damit verlieren wir viel von dem, was Sinn stiftet. Wir sollten alles dafür tun, kommenden Generationen eine vielfältige, lebenswerte Welt zu hinterlassen. Nicht nur das Klimasystem, sondern auch viele Ökosysteme etwa Korallenriffe oder Wälder sind an einem Kipppunkt, stehen kurz davor oder sind schon darüber hinaus. Wenn wir deren gänzliche Zerstörung zulassen, wird die Welt nicht untergehen, aber sie würde doch so viel ärmer und lebensfeindlicher werden, dass wir uns das heute kaum vorstellen können.

Respekt, Gewaltfreiheit und Wissenschaft

Gegenseitiger Respekt und Gewaltfreiheit sind die Grundlage für friedliche Veränderungen. Anders als viele Populisten und Hetzer, die sich hauptsächlich dadurch hervortun, andere schlecht zu machen, sollten wir Respekt vor jedem einzelnen Menschen haben. Ungeachtet seiner Gesinnung oder politischen Meinung (im Rahmen des Grundgesetzes), sollten wir ihn erst einmal als Mensch akzeptieren. Wenn er anderen Meinungen bzw. Menschen denselben Respekt entgegenbringt, dann kann die Diskussion beginnen. Aber bitte immer auf Grundlage wissenschaftlich überprüfbarer Quellen. Auch in diesem (wissenschaftlich abgesicherten) Rahmen gibt es noch genug zu streiten.

Ich bin mir sicher, dass viele, die heute rechts wählen, meine Sorge um die Zukunft teilen. Sie sehen sich und ihre Familien von Entwicklungen bedroht, auf die sie vermeintlich keinen Einfluss haben und sie suchen nach Ursachen und Schuldigen. Da ist man dann schnell bei Merkel, der EU, den Medien, den Flüchtlingen, der Globalisierung etc. Aber entspringt das Unbehagen über die Schattenseiten der Globalisierung und die zunehmende Unübersichtlichkeit der Welt nicht letztlich aus unserer unheilvollen Art des Wirtschaftens und der daraus resultierenden Vereinsamung und sozialen Spaltung? Sind die Flüchtlinge schuld oder die Gewinnoptimierung um jeden Preis?! – Wir sollten nach vorne schauen und die Welt so positiv verändern, dass wir darin alle unseren Platz finden – ohne dabei unsere Lebensgrundlagen zu zerstören oder Krieg gegen unsere Nachbarn zu führen. Der natürliche Reichtum unseres Planeten reicht dafür allemal. Wir müssen nur endlich anfangen, ihn nachhaltig zu nutzen und gerechter zu verteilen.

Und hier noch ein Medientipp zum Thema: Etwas emotionaler, deutlich unterhaltsamer und mit Blick auf die Rolle der Medien hat es der Brite Jonathan Pie in diesem knapp vierminütigen, sehr sehenswerten Video auf den Punkt gebracht: Link zum Video “The Extinction Rebellion” von Jonathan Pie (Englisch)